... reinlesen



Der Defensivkünstler
Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden

Carl Haffners Leben kennt zwei Obsessionen: Er spielt leidenschaftlich gern Schach und er möchte um keinen Preis der Welt jemand anderem zur Last fallen.

Die Schachwelt steht im Winter des Jahres 1910 kopf, als sich herausstellt, daß der unbekannte Carl Haffner den amtierenden Schach-Weltmeister Emanuel Lasker herausfordert. Die Partie ging in die Geschichte ein, denn Lasker unterlief im fünften Spiel ein Fehler, der meist Anfängern zugeschrieben wird. Das Ende?

Nun, Carl Haffner kann es nicht ertragen, über seinen Konkurrenten zu triumphieren, in einem Wettkampf, der zehn Partien dauert, in dem er ein Spiel mehr gewinnen muß als sein Gegner.

Der Autor Thomas Glavinic ist nicht nur ein ausgewiesener Schachexperte, (immerhin spielt er seit seinem fünften Lebensjahr das königliche Spiel), er ist auch ein Meister in der Ausleuchtung der unterschiedlichen Charaktere der Duellanten sowie ihres völlig konträren Lebensstils.
manuela haselberger


Thomas Glavinic -
Carl Haffners Liebe zum Unentschieden


      1998, Berlin, Volk und Welt,
           228 Seiten, 15,30 (HC)


      2000, München, btb,
           251 S., 8.50 (TB)



... reinlesen

»Letzte Woche hat in Simmering eine Frau ihren Gatten vergiftet. Sie rührte ihm eine Dosis Zyankali, die genügt hätte, ein Dutzend Stiere umzubringen, in den Frühstückskaffee. Man hört, der Mann habe sie über Jahre gequält und unterjocht, bis sie sich zu dieser Gegenmaßnahme entschloß. Wie dem auch sei: Die Angelegenheit hätte sich auf weniger drastische Weise bereinigen lassen, hätte die arme Frau rechtzeitig gelernt, mit ihren Gefühlen umzugehen.«
So schrieb der Schachmeister Georg Hummel in seiner Kolumne in der Neuen Freien Presse an jenem Januartag des Jahres 1910, an dem die erste Partie der Schachweltmeisterschaft zwischen dem Deutschen Emanuel Lasker und seinem österreichischen Herausforderer Carl Haffner in Wien ausgetragen wurde. Hummel war ein guter Journalist. Das Schachspiel stand bei vielen im Ruf, eine Leidenschaft magerer Kanzleiräte und schlitzohriger Juden zu sein, langweiliger noch als eine Meisterschaft der Briefmarkensammler oder Spitzendeckenhäkler. Um das Spiel dem einfachen Leser nahezubringen, schreckte Hummel vor nichts zurück. Er titelte so reißerisch, daß man glaubte, die Lokalseiten aufgeschlagen zu haben. Schamlos dichtete er den Meisterspielern Anekdoten an. Er verglich Schach durchaus schlüssig mit Hakelziehen, Malerei, Tarock und sogar Walzertanzen und stellte wider besseres Wissen ebenso kühne wie naive Behauptungen auf, um seine Leser anzulocken.
»Ich habe an dieser Stelle oft darauf hingewiesen«, schrieb er über den Mord in Simmering weiter, »daß da der Ausgeglichenheit eines jeden nichts Zuträglicheres ist als das Schachspiel. Oder hat man schon jemals von einer Gewalttat gehört, die im Milieu der Schachspieler geschah? Der Schachspieler ist derlei Kindereien abhold, weil er seine Nerven im Zaum halten kann und seine Einwände gegen die Widrigkeiten unserer lieben Zeit am Brett auszusprechen vermag.
Es soll jetzt aber niemand glauben, die Schachspieler seien frei von allem Bestreben, ihrem Gegner mit Gehässigkeiten zuzusetzen: Der blutrünstigste Boxer, ich scherze nicht, ist ein freundlicher Zeitgenosse neben den meisten Schachgrößen unserer Tage. Die Brutalität, mit der Schachweltmeister Lasker unter seinen Gegnern aufräumt, sucht ihresgleichen, und auch über die Schlägerqualitäten der Herren Tatrasch, Janowski, Marshall und Konsorten brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Dagegen nimmt sich unser Carl Haffner wie ein Lamm aus. Er spielt ruhig und bescheiden, ganz seinem Charakter entsprechend. Er hütet sich vor waghalsigen Angriffen und unbedachten Manövern. Es ist, als wollte er seinem Gegner sagen: ›Schlag mich doch, wenn du kannst!‹ Er ist der vortrefflichste Vertreter der Wiener Schachschule. Ich behaupte: Carl Haffner ist der beste Verteidiger der Welt. Er remisiert viele Partien, das ist wahr. Doch um ihn zu bezwingen, bedarf es der Kraft eines Giganten, eines Genies. Ob der gewaltige Lasker dazu imstande ist, werden wir ab heute verfolgen. Er und der Wiener kämpfen in den Räumlichkeiten des Wiener Schachklubs (l. Bezirk, Wallnerstraße Nr. 2) um die Weltmeisterschaft. Ich persönlich glaube nicht, daß Lasker auch nur eine der zehn Partien des Wettkampfes für sich entscheiden kann, denn: Es gibt überhaupt keine Genies. Selbst ich, Georg Hummel, bin keines.«
Hummel, der im Café zur Marienbrücke sein Frühstück einnahm, las diese Zellen mit Befriedigung. Oft geschah es, daß ein des Schachspiels unkundiger Setzer eigenmächtig Korrekturen vornahm, absurde Zwischentitel einfügte oder auf andere Art den Artikel zerstörte. Die heutige Kolumne hatte den Setzer ohne Schrammen passiert. Hummel rieb sich die Hände. Er fand, es war ein gelungener Artikel, der die Leute in Scharen zu dem Ereignis treiben sollte.
Hummel bestellte einen Cognac, um den Magen zu beruhigen. Er knöpfte die Weste über seinem geblähten Bauch auf. Beim Gedanken an den Wettkampf zerbiß er beinahe seine Virginia. Er nahm für sich in Anspruch, einst das Talent des jungen Haffner entdeckt zu haben, und doch – so nervös war Hummel nicht einmal, bevor er sich selbst ans Brett setzte. Das Treiben im Lokal, die Geräusche der sich bevölkernden Straße nahm er nicht wahr. Er linste immer wieder auf die Uhr, ob es nicht schon Zeit war, in die Wallnerstraße zu fahren, damit ihm nichts von den Vorbereitungen entging. Er durchblätterte die Zeitungen, ohne auch nur die Überschriften zu lesen. Hier und da nickte er einem Stammgast zu. Den Meister Weiss, der mit leuchtenden Augen an den Tisch trat, um über Haffners Aussichten zu fachsimpeln, vertrieb Hummel grimmig: »Lassen Sie mich! Mit Ihnen teile ich nichts! Weder den Tisch noch einen Punkt – und schon gar nicht die Aufregung!« Worauf Weiss sich lachend zurückzog und der schwitzende Hummel zwei weitere Cognac bestellte. Einen davon ließ er an Weiss' Tisch servieren. Weiss erhob zum Dank das Glas. Der Oberkellner konnte erstaunt beobachten, wie Hummel nach Art der Frösche dem Meister Weiss die Zunge rausstreckte.
Hugo Fähndrich, der Sekundant Haffners, steckte den Kopf ins Lokal, übersah aber den winkenden Hummel und stürzte wieder hinaus. Hummel fiel in seinen Sitz zurück. Fähndrich hätte er gern an seinem Tisch begrüßt, gewissermaßen wie einen Mitverschwörer.
Hummel peinigte das Gefühl, daß das ganze Lokal von nichts anderem sprach als dem Wettkampf. Als der Oberkellner, der sonst mit Zurückhaltung über das Lokal gebot, nach dem Befinden Haffners fragte, erhob sich Hummel. »Herr, es ist zum Verrücktwerden mit Ihnen!« rief er. Für den Ober unhörbar, fügte er hinzu: »Auf dem Abort wird er hocken, was meinen denn Sie?« Er zahlte und ging zu Fuß zum Wiener Schachklub.
Carl Haffner saß mitnichten auf dem Abort. Er besuchte seine Halbschwester Lina Bauer. Die war in den Morgenstunden damit beschäftigt gewesen, für den Rest ihres Tagesgeldes – eine nicht unbedeutende Summe bekam der Bäcker für das Frühstück – Zeitungen zu kaufen.
»Carl, hörst du zu? Hier steht: ›Der König der Schachspieler, Emanuel Lasker, trifft heute auf den großen Wiener Meister Carl Haffner, den Sieger bedeutender Turniere und Herausgeber der Deutschen Schachzeitung. Wenngleich Lasker als Favorit gilt, erwartet ihn jedoch gewiß eine schwere Aufgabe. Niemand kann sich so zäh verteidigen wie der sympathische Haffner.‹«
Carl versuchte, seine Schwester mit einem Scherz von den Zeitungen abzulenken. Er schwärmte von den Delikatessen, die Lina eingekauft hatte. In Wahrheit hatte er seinen Appetit an einer einzigen Kaisersemmel gestillt. Nicht nur, daß er das feine Gebäck Lina gönnte – er hätte es gar nicht anzurühren gewagt. Sie bemerkte es nicht. Lina war von den Zeitungsberichten so geblendet, daß sie sogar ihre übliche Fürsorge vergaß.
»Bist du denn nicht aufgeregt?« fragte sie.
Natürlich war Carl angespannt. Doch seitdem er heute morgen in seinem besten Anzug die tadellos aufgeräumte, warme Wohnung betreten hatte, in der es immer nach dem Holz der Möbel, nach frischer Wäsche und Lavendel duftete, seit diesem Moment hatte Linas Anblick die Gedanken an das Spiel verdrängt. Linas Wesen war wie eine leise, einfache Melodie, die man summt, wenn man im Sommer allein durch eine Wiese schlendert und sich dem Geruch des Grases und dem Wind ganz ergibt. Hast und laute Worte waren Lina fremd. Wenn sie in ihrem Hauskleid wie ein Schatten durch die Räume glitt, war jeder ihrer Handgriffe wie eine sanfte Entschuldigung für ihre Existenz. Sie ordnete ihre Wünsche dem Wohlergehen anderer völlig unter. Genauer gesagt: Ihr innigster Wunsch war das Wohlergehen anderer. Sie so entrückt über den Blättern zu sehen, wärmte Carls Herz. Daß sein Name in der Zeitung stand, manchmal sogar mit einer Fotografie, daran hatte er sich längst gewöhnt. Im Grunde mißfiel es ihm. Aber wenn es Lina solche Freude bereitete, durfte er dafür nicht undankbar sein.
Bevor er sich verabschiedete, spielte sie auf dem Flügel noch sein Lieblingsstück. Begleiten wollte sie ihn nicht. Saß Lina im Spiellokal still in einer Ecke, fühlte Carl sich bemüßigt, sie zu unterhalten, und das schadete seiner Konzentration.


Die Sonne schien unbewölkt. Die Luft war kalt und klar. Auf der Straße lag eine Schneedecke. Das Spiel begann um fünf. Für zwei Uhr hatte man Carl in den Schachklub bestellt. Carls Wohnung wurde seit Wochen nicht geheizt, es war also unvernünftig, die Wartezeit dort zuzubringen. Carl machte einen ziellosen Spaziergang. Er hatte nicht das Geld, um sich einen Kaffee zu leisten, und an ein Mittagessen durfte er gar nicht denken. Ab und zu schlich er in ein Café, um sich im Schachzimmer ein wenig aufzuwärmen, bis der Ober die unvermeidliche Frage nach seiner Bestellung an ihn richtete. Carl wurde jedoch überall mit spontanem Beifall begrüßt. Man scharte sich um ihn, wünschte ihm Glück, fragte, was er essen und trinken wollte. Carl mußte für seine Verhältnisse ungewöhnlich energisch werden, um das Lokal unter dem Hinweis, er müsse sich in Ruhe auf das Spiel vorbereiten, wieder verlassen zu können. So groß sein Hunger war, Carl konnte sich nicht überwinden, sich von anderen einladen zu lassen, einem anderen das Essen geradezu aus dem Mund herauszustehlen.
Der lange Marsch trieb die Kälte aus seinen Gliedern. An der Ecke der Straße, in der der Wiener Schachklub lag, blieb Carl jäh stehen. Vor dem Klub drängte sich eine Menge von gut hundert Leuten, aus der zwei berittene Polizisten aufragten. Eine Demonstration, dachte Carl. Bis zu den Eröffnungsreden war noch genug Zeit. Carl machte kehrt.
In einem nahen Park wischte er den Schnee von einer Bank. Er setzte sich. Plötzlich war ihm vor Aufregung übel. Die Tragweite des Wettkampfes wurde ihm bewußt. Lasker war seit sechzehn Jahren Weltmeister und nicht ein einziges Mal Gefahr gelaufen, seinen Titel zu verlieren, ja ohne auch nur einmal in einem Wettkampf in Rückstand zu geraten. Ein Gelehrter, ein Mathematiker und Philosoph. Jeder Schachspieler von Rang kannte seine Schrift Kampf. Wer war er, Carl Haffner, daß er diesem Mann Paroli bieten wollte? Ein paar erste Preise hatte er vorzuweisen, dazu noch einige unentschiedene Zweikämpfe. Einen hatte er gewonnen, vor sechs Jahren gegen Janowski. Nun stellte er sich Lasker. Er hatte die Aufgabe, den Weltmeister niederzuwerfen in einem Wettkampf, der sich über zehn Partien erstreckte und in dem Haffner, als Herausforderer, ein Spiel mehr gewinnen mußte. Bei Gleichstand behielt der Deutsche den Titel. So lauteten Laskers Bedingungen.
Carl vergrub das Gesicht in den Händen und wand sich in unkontrollierten Bewegungen auf der Bank. Mit einemmal fühlte er fast körperlichen Schmerz in der Angst, in diesem Wettkampf unterzugehen. Er wünschte sich, keine Partie zu verlieren. Mochten alle Partien ohne Entscheidung enden, sollte Lasker Weltmeister bleiben! Aber er durfte kein einziges Mal unterliegen!
Carl trottete zurück zum Wiener Schachklub. Wenn er sich am Brett niederließ, war es ihm fast gleichgültig, ob er gewann oder Remis spielte. Niederlagen konnte er nur schwer verwinden. Nach einem verlorenen Spiel fühlte er sich klein und hilflos, unwürdig, dem Gegner die Hand zu reichen.
Carl bemerkte die Menge erst, als er schon in ihren Strom geraten war. Man erkannte ihn. Unversehens umringte ihn eine Gruppe von Begeisterten. Die Leute brüllten ihm Glückwünsche ins Ohr, klopften ihm auf den Rücken und bedrängten ihn so, daß er Angst bekam. Berittene Polizisten versuchten die Ordnung herzustellen. Man skandierte den Namen Haffner. Noch nie hatte Carl derartigen Lärm erlebt. Seine Füße berührten den Boden nicht mehr, doch es war unmöglich, in diesem Getümmel umzufallen. Er glaubte, ersticken zu müssen, wußte nicht mehr, wo sich der Eingang zum Klub befand. Die Leute machten Anstalten, Carl auf ihre Schultern zu heben. Da bahnten sich Fähndrich und der drahtige Meister Wolf einen Weg durch die Menge, hakten Carl unter und kämpften ihm ein Spalier zum Spiellokal frei. Im Klub ging es allerdings nicht weniger turbulent zu. Die Leute standen auf Stühlen, schrien und applaudierten. Carls Eskorte benötigte zehn Minuten für die knapp fünfzehn Meter zu jenem Séparée, hinter dessen Tür sich die Organisatoren des Wettkampfes verbarrikadierten.
»Warum haben Sie nicht den Hintereingang genommen?« fragte Fähndrich, nachdem es nach kurzem Handgemenge gelungen war, die Tür zu versperren.
»Er war wohl nicht darauf vorbereitet«, bemerkte Arnold Mandl, der Präsident des Wiener Schachklubs. »Wir ja auch nicht. Dreihundert Leute, hat Hummel geschätzt, und es werden immer noch mehr!«
Der Freiherr von Rothschild, der reichste Mann Europas und bedeutendste Schachmäzen der Monarchie, drückte Carl die Hand. »Nun, wie fühlt man sich als Held?«


Carl rückte auf dem Stuhl, den man ihm herbeigeschafft hatte, hin und her. Diese Anrede war ihm wie der ganze Tumult verstörend peinlich. Er bat um ein Glas Wasser. Erst dann gewahrte er seinen Gegner. Lasker saß am Fenster. Er trommelte, den Arm bequem abgestützt, mit den Fingern gegen die Scheibe und starrte Carl aus seinen dunklen Habichtsaugen unverwandt an. Man sah Lasker zumeist betont salopp gekleidet. An diesem Tag steckte er in einem schlechtsitzenden Anzug. Wenigstens hatte er eine Spange an das Revers geheftet. Vom Getrommel seiner Finger abgesehen, trug Lasker eine überlegene Ruhe zur Schau, als hätte er die Situation einschließlich der Sitzordnung selbst arrangiert. Er lächelte Carl zu. Carl stand auf, bat für seine Unhöflichkeit um Nachsicht und schüttelte Lasker die Hand.
Präsident Mandl stellte fest, daß alle am Wettkampf wesentlich Beteiligten nunmehr versammelt waren. Seine Ansprache mußte er mit lauter Stimme vortragen, denn vor der Tür tobten die Leute unvermindert. Darauf folgte die Rede Rothschilds. Weitere Funktionäre ließen sich die Gelegenheit zu sprechen nicht entgehen. All die blumigen Worte hörte Carl nicht. Sein Geist schwebte in jenem formlosen Bereich, der mit dem Begriff Konzentration ganz unzulänglich beschrieben ist, der mehr ist als das bloße Zusammenführen aller geistigen Kräfte, nämlich das Besinnen auf sich selbst. Zur Auslosung, wer in der ersten Partie die weißen Steine führen sollte, mußte man Carl dreimal aufrufen. Lasker indes schien völlig unbewegt. Auch er richtete das Wort an die Versammlung, wobei er den sportlichen Wert der Veranstaltung hervorhob, seinen Gegner pries und den Organisatoren dankte. Aber auch das drang nicht an Carls Ohr.
Damit war der zeremonielle Teil beendet. Einige der Anwesenden zogen sich zurück, um der Menge im Saal die Demonstrationsbretter zu präsentieren. An diesen. Brettern, die Ausmaß und Funktion von Schautafeln hatten, sollten verschiedene ausgesuchte Meister jeden Zug für die Allgemeinheit kommentieren und die beiderseitigen Chancen abwägen. Alsbald mäßigten sich die Leute vor der Tür ein wenig.
Im Sitzungszimmer bat man zum Buffet. Lasker sprach Brötchen und Sekt in nur geringem Maß zu. Verdauungstätigkeit schade seinem Denken. Carl war zu scheu, sich an den Silbertabletts zu bedienen. Er aß zwei Brötchen, und die wurden ihm von Fähndrich aufgezwungen – »Weiß sind Sie wie die Wand, hier, essen Sie, unbedingt!« Am Sekt nippte Carl nur. Er fühlte keinen Hunger mehr. Das Klingen der Gläser, das angespannte Gemurmel, die Vereinssekretäre, Figurenaufsteller und Journalisten, die durch den Raum scharwenzelten und wieder verschwanden, das Scharren der Schuhe und die vereinzelten hektischen Rufe, der sonore Bariton Fähndrichs – all das waren Schatten einer Traumwelt, in der Carls Sinne zu Gast waren. Tief in ihm allein, da war alles wirklich. Da war seine Persönlichkeit, auf ihr Ureigenes, Innerstes vermindert, die nun der Laskers entgegentreten sollte. Im Spiel der Meister, sagte Lasker, liegt die Wahrheit, auf dem Brett kann man nichts verbergen: Man ist als Mensch nackt.
Carl mußte wahnsinnig gewesen sein, sich zu einem Wettkampf mit diesem Mann bereit zu erklären.
Das Spiel fand in einem abgesonderten Zimmer statt. Nur die Sekundanten, der Schiedsrichter sowie einige Auserwählte hatten Zutritt. Präsident Mandl bat die beiden Gegner, sich zuvor der Menge zu zeigen. Lasker kam dem gern nach. Er trat mit erhobenem Kopf vor die Tür und dankte den Applaudierenden für ihr Interesse. Carl mußte man erst überreden. Er nestelte an seiner Krawatte und zwirbelte seinen Schnurrbart, ehe er vortrat und ins Publik-um winkte. Er betete, daß seine Beine ihm nicht den Dienst versagten. Sprechchöre erschallten, die Leute stampften rhythmisch mit den Füßen. Präsident Mandl beruhigte die Masse. Die Konzentration der Meister, wenngleich diese in einem Nebenraum kämpften, dürfe nicht die geringste Störung erfahren. Mandl wollte noch einige Worte sagen, doch der Freiherr von Rothschild zupfte ihn schmunzelnd am Ärmel. Es war Zeit.
Erleichtert, daß die Rhetorik ein Ende hatte, hastete Carl über einen noblen Läufer zum Spielzimmer. Der Schiedsrichter wiederholte jene Regeln, die für die Bedenkzeit galten, wünschte beiden Kontrahenten Glück und setzte Carls Uhr in Gang. Lasker und Haffner schüttelten über dem Brett die Hände. Carl eröffnete mit dem Königsbauern. In diesem Augenblick stürmte jemand in den Raum.
»Halt! Aufhören!« rief der Unbekannte. »Ich brauche eine Photographie!«
Die Sekundanten zeigten Bereitschaft, sich auf den Eindringling zu stürzen. Ob er verrückt, ob er mit den Gepflogenheiten des Schachspiels nicht vertraut sei? Immerhin handele es sich hier um eine Weltmeisterschaft! Der Mann beharrte, eben weil es um eine Weltmeisterschaft ging. Im übrigen war es ihm egal, ob um den Thron der Nasenbohrer, Weitspucker oder Schachspieler gefochten wurde, er wünschte seine Photographie zu machen. Er wies sich als Rainer Lothar von der Presseagentur Wien aus.
Als man dies dem Schiedsrichter hinterbrachte, wiegte der unschlüssig den Kopf Die Agentur war sehr wichtig. Ob man ...
Lasker erklärte lachend, gern zu einer Photographie bereit zu sein. Auch Carl erhob keinen Einwand. Rainer Lothar baute mit dünkelhaftem Lächeln seinen Apparat auf. Er kommandierte Turnierleitung und Spieler in die richtige Position und betätigte den Auslöser. Schwefelgestank erfüllte den Raum. Rainer Lothar verteilte Visitenkarten und verabschiedete sich. Sekundanten und Schiedsrichter liefen ohne Anlaß durcheinander. Erst als wieder Ruhe eingekehrt war, bemerkte Carl, daß er beim Überfall des Reporters vergessen hatte, den Doppelwecker zu drücken und damit Laskers Uhr in Bewegung zu setzen. Nun hatte er fünfzehn Minuten seiner Bedenkzeit verloren. Carl verzichtete jedoch auf einen Protest.
Die Eröffnung spielten beide aus dem Handgelenk. Alles war längst bekannt, man brauchte sich keine Sekunde zu besinnen, um den Zug des Gegners zu erwidern. Lasker wich als erster vom Pfad der Theorie ab. Carl überlegte. Lasker steckte sich eine Zigarre an und fixierte Carls Stirn.
Was war dieser Haffner doch für ein Kauz! Als er in den Schachklub gekommen war, hatte er sich kaum geradehalten können vor Aufregung. Während der Eröffnungsfeier wußte er kein Wort zu sagen. Eine ungeheure Menge jubelte ihm zu, und er schien unter den Teppich kriechen zu wollen. Zuletzt hatte er sich noch von einem Reporter um seine Bedenkzeit prellen lassen. Daß ein solcher Charakter um die höchsten Weihen im Schach spielte – kaum zu glauben. Und kaum zu glauben auch, daß dieser Haffner seit Beginn der Partie dasaß wie ein Fels. Er strahlte eine Sicherheit aus, die ihm sonst nicht eigen war. Der ganze Mensch spielt Schach, nicht bloß das Gehirn. Der Charakter ändert sich doch nicht wie eine Laune! Diese Janusköpfigkeit gilt es zu verstehen. Dann ist Haffner zu besiegen.
Bisher waren sie siebenmal aufeinandergetroffen. Drei Partien gewann Lasker, drei endeten remis, und eine Auseinandersetzung hatte der Österreicher für sich entschieden, 1904 in Cambridge Springs. Nur aufpassen, der sanfte Mann war nicht zu unterschätzen, aber auch nicht wirklich gefährlich.
Im Rauchsalon, neben den Demonstrationsbrettern und in stillen Nischen standen Meister und Fachleute zusammen und spekulierten über den Ausgang des Wettkampfes. Es fanden sich wenige, die dem Herausforderer Chancen zubilligten. Eine knappe Niederlage, etwa mit vier zu sechs, galt schon als ein ansprechender Erfolg Haffners. Die meisten tippten auf ein sieben zu drei oder acht zu zwei für Lasker. Hummel war als einziger von Haffners Sieg überzeugt. »Er kann Haffner nicht schlagen!« wiederholte er unablässig. »Ich verspreche, Haffner gewinnt zumindest eine Partie, vielleicht sogar zwei, Lasker jedoch nicht eine! Haffner wird Weltmeister!«
Hummel setzte gegen den alten Julius Thirring fünfhundert Kronen auf Haffner. »Ein Hundsfott jeder«, rief er, »der nicht auf Haffner wettet! Wo sind die Optimisten?«
Aus dem Spielzimmer drangen beruhigende Nachrichten. Beide Spieler hielten sich bedeckt. Keiner konnte eine Schwäche in der Stellung des anderen ausmachen. Haffner hatte zu seinem Spiel gefunden. Nach vier Stunden wurde die Partie programmgemäß abgebrochen. Niemand lag im Vorteil. Da der Weltmeister von seinem Recht Gebrauch machte, eine Auszeit zu verlangen, setzte man die Wiederaufnahme der Partie für den übernächsten Tag fest.


Carl verließ den Klub durch die Hintertür. Selbst sein Sekundant vermißte ihn zu spät. Ohne Geleit marschierte Carl durch die Dunkelheit nach Hause. Die Steinmauern seiner schäbigen Wohnung waren wie gefroren. Er schlief angekleidet. Er träumte von Stellungsbildern und abstrakten Plänen.


Die Vielzahl der Besucher war natürlich nicht allein Hummels Artikel zu verdanken. Fast alle Zeitungen schrieben über das Ereignis. In einigen verdrängte die Weltmeisterschaft sogar den Simmeringer Giftmord aus den Schlagzeilen. Viele Blätter, die dem Schachspiel bislang nur eine untergeordnete Rolle hatten zuteil werden lassen, boten namhaften Meistem die Betreuung einer Schachecke an. Allseits bemühte man sich um Stellungnahmen der Gegner. Während Lasker jedem Rede und Antwort stand und für enorme Summen Artikel abfaßte, gelang es nicht, einen Kommentar Haffners zu erwirken. Niemand wußte über seinen Aufenthaltsort Bescheid. Zu Hause war er nicht. Ein besonders ehrgeiziger Reporter besuchte nicht nur Haffners Mutter, sondern auch Lina Bauer, die Halbschwester. Vergebens. Hinter vorgehaltener Hand beklagten jene Zeitungsleute, denen das Schach sonst ganz fremd war, die Allüren des Wiener Meisters, der sich einbildete, mit der Presse Versteck spielen zu müssen.
Unterdes trommelte Hummel in der Neuen Freien Presse weiter, um Haffner durch die Unterstützung der Massen zu beflügeln. Die abgebrochene Partie stand ausgeglichen, berichtete Hummel, und dies war der nüchternste und wohl einzige objektive Satz in seinem Artikel. Er scheute nicht den Vergleich mit dem biblischen David, der den Goliath erschlagen hatte. Er beschwor die Erinnerung an Radetzky und Prinz Eugen. Er rief die Wiener mit martialischen Losungen auf, einem der Ihren zu helfen, und hatte, im Verband mit gemäßigteren Kollegen, Erfolg. Zur Wiederaufnahme der Partie fanden sich noch mehr Schaulustige ein. Diesmal hatte der Polizeikordon die Menge im Griff.
Lasker war schon lange am Platz, als Carl eintraf. Auch die Hintertür wurde von Reportern bewacht. Carl brachte es nicht fertig, sie beiseite zu schieben, obschon es höchste Zeit war, im Spielzimmer zu erscheinen. Einmal mehr war es Fähndrich, der Carl aus seiner Verlegenheit rettete. Außer Atem setzte Carl sich ans Brett. Der Schiedsrichter entsiegelte das Kuvert, das Laskers Abgabezug enthielt. Der Zug wurde ausgeführt, Carls Uhr gestartet. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch. Lasker versank in Nachdenken. Offenbar hatte er mit einer anderen Fortsetzung gerechnet.
Carl hatte nahezu den ganzen vergangenen Tag auf der Straße verbracht. Die Kälte weckte ihn nach wenigen Stunden Schlaf. Auf dem Fenster rankten Eisblumen. Nun spürte er auch quälend den Hunger, den das Spiel unterdrückt hatte. Er konnte sich nicht einmal waschen, weil aus dem Hahn auf dem Gang kein Wasser floß. Ein Spaziergang mußte ihn wärmen. Carl überlegte, ob er Lina oder seine Mutter aufsuchen sollte. Dazu war es zu früh. Nachdem er einige Stunden umhergelaufen war, schwindelte ihn vor Schwäche. Er hatte nicht die Kraft, sich Lina oder seiner Mutter mit gebührender Aufmerksamkeit zu widmen, und unhöflich wollte er nicht sein. Statt dessen klopfte er an die Tür des Wiener Schachklubs. Im Saal tilgte eine Kompanie Putzfrauen die Spuren der Veranstaltung. Carl, vom Spaziergang und vom Hunger erschöpft, bat den Vereinssekretär, sich im Ruheraum ein wenig erholen zu dürfen. Als er aufwachte, erwartete ihn eine Überraschung. Ein Bote der Bank hatte das Honorar, das Carl für die Herausgabe der Deutschen Schachzeitung zustand, im Sekretariat abgegeben. Darauf nahm Carl in einem Gasthaus eine kleine Mahlzeit zu sich. Er war spät heimgekehrt. Jener Reporter, der zu Lina und Carls Mutter vorgedrungen war, hatte längst seinen Posten vor Carls Haus geräumt.


An den Demonstrationsbrettern fragte man sich, was Laskers Zögern bedeutete. War der Weltmeister in Schwierigkeiten? Es kam die Nachricht von seinem Zug – Haffners Erwiderung folgte postwendend. Nach einigen weiteren Zügen verlautbarte Meister Albin an einer der Schautafeln, daß der Herausforderer ein gewisses Übergewicht erlangt hatte. Die Begeisterung war groß. Geheimräte und hohe Offiziere, die in ihrem Leben noch keine fünf Partien Schach gespielt hatten, erstiegen ihre Stühle und applaudierten. Noch ein paar Züge später traten die Meister an den Demonstrationsbrettern von einem Fuß auf den anderen. Haffner hatte einen Bauern mehr. Aber war der Vorteil groß genug, die Stellung nicht zu zweischneidig? Niemand, weder Albin noch einer der übrigen Kommentatoren, wagte der Menge zu verkünden, daß Haffners Sieg möglich schien. Es war, als fürchteten sie, durch Voreiligkeit das Schicksal des Österreichers zu seinen Ungunsten zu beeinflussen.
Das Publikum ließ sich nicht täuschen. Haffner stand auf Gewinn, hieß es, zunächst nur hinter dem Zigarrenqualm, in den sich die Meister hüllten, dann an den Tischen und im Foyer, schließlich auf der Straße. Wer angenommen hatte, die Leute würden nun noch mehr jubeln, sah sich getäuscht. Wenn jemand seinen Kaffee umrührte, hörte es der ganze Saal. Auf der Straße, wo man ebenfalls ein Demonstrationsbrett aufgestellt hatte, gab es keinen Laut und keine Bewegung in der Menge. Im Saal flackerten die Blicke von den Tafeln zu der Tür, durch die der Bote mit dem nächsten Zug kommen mußte.
Hummel saß im Saal an einem eigens für ihn reservierten Tisch und ließ niemanden an sich heran. Mit einer Hand stützte er das Kinn, die andere umklammerte ein Taschentuch. Von Zeit zu Zeit tupfte er die Stirn trocken. Er starrte auf das Demonstrationsbrett. Gern wäre er hineingegangen zu den Spielern, um nicht auf den Boten angewiesen zu sein – Hummel war der Zutritt zum Spielzimmer ja erlaubt. Aber die Spannung lähmte ihn, band ihn an seinen Stuhl wie alle anderen im Saal.
In diesem Augenblick, als er in die entrückten Gesichter sah, begriff Hummel. Diesen Menschen ging es nicht darum, daß der Weltmeistertitel im Schach nach Wien wandern konnte. Gewiß, das war eine erfreuliche Nebenperspektive. Aber hier ging es nicht um Schach. Die Mehrzahl der Gaffer stand einer Spanischen Eröffnung und einem Abgelehnten Damengambit so gleichgültig gegenüber wie der Philosophie, die sich in einem bestimmten Spielsystem verbarg. Einige von ihnen wußten vom Schach kaum mehr als die Gangart der Figuren. Manche hielten es für so etwas wie ein Welträtsel. Den Genuß, den das Spiel dieser beiden bot, konnten sie kaum nachempfinden. Was aber trieb sie her? Allein die Auseinandersetzung. Wie hatte der Photograph formuliert? Ihm war egal, ob um die Wette in der Nase gebohrt oder Schach gespielt wurde. Und so dachten die Leute, während sie die Schautafeln anstaunten wie ein Orakel. Es ging ihnen um den Wettstreit, um Sieg oder Niederlage, um Aufregung und – um eine Antwort. Die Art der Waffen war nebensächlich. Man wollte ohne eigenes Risiko einen Vorgang beobachten, dem man selbst im Alltäglichen ganz unfreiwillig unterworfen war. Einem Wettstreit, dessen Regeln man zu kennen glaubte, lagen klare Muster zugrunde, ganz im Unterschied zu den Konflikten des Lebens. Im Leben wußte man nur selten, ob man ein Spiel gewonnen hatte. Und man wußte nicht, wer hinter den Spielregeln steckte. Das war das schlimmste.
Hummel bemerkte, daß sich die Leute ringsum von ihren Sitzen erhoben. »Was ist los?« rief er. Er hastete zum Demonstrationsbrett.
»Abgebrochen«, erklärte Meister Albin.
»Schon wieder abgebrochen? Laskers Bedingungen! Das ist doch Schach auf Raten!«
Albin hob die Schultern. »Was soll man machen? In eineinhalb Stunden geht es weiter.«
Hummel drückte Albins Arm und machte sich auf die Suche nach Haffner. Er fand ihn im Foyer, umringt von einigen Meistern, von gewöhnlichen Zuschauern aber unbehelligt. Haffner schien gelöst. Er blickte offen und sicher und beantwortete freundlich jede Frage nach möglichen Zugvarianten. Natürlich wollten alle wissen, wie er die Stellung einschätzte. Haffner sagte, er sei zuversichtlich, die Partie remis zu halten.
»Was heißt remis? Sie werden gewinnen!«
Haffner faßte Hummel an der Hand. »Lieber Meister«, sagte er. »Vielleicht könnte es Ihnen tatsächlich gelingen, diese Partie zu gewinnen. Ihnen liegen solche Positionen sehr. Ich muß abwarten.«
Hummel und einige andere bestürmten ihn mit Varianten. Unwillkürlich wich Haffner einen Schritt zurück. Er bat um Verständnis dafür, daß er sie verlassen mußte. Er wollte einen kurzen Spaziergang im Freien unternehmen. Die Meisterrunde wünschte ihm Glück und stürzte zu dem Tisch, an dem Weiss und Wolf schon die Abbruchstellung analysierten. Wenige Momente später stand Fähndrich, in der Hand ein Imbißpaket für seinen Schützling, bei ihnen und fragte nach Haffner. An der Tür stieß er mit einer Dame zusammen. Sie hielt ihn am Arm fest und erkundigte sich nach Carl Haffner.
»Wann kommt er wieder? Kann mich jemand mit ihm zusammenbringen?«
Fähndrich überblickte den Saal. Er wies auf den grauen Kopf Mandls. »Der da. Das ist der Präsident. Entschuldigen Sie.«
Mandl schritt durch den Saal, als hätte er persönlich zu einem Ball geladen. Mit seinem Sektglas prostete er prominenten Besuchern zu. Als die Dame vor ihn hintrat, zog er erfreut die Brauen hoch. »Gnädige Frau, Sie sind das erste weibliche Wesen, das diesen Wettkampf beehrt.«
»Und? Wollen Sie mich jetzt ausstellen?«
Mandl zuckte zusammen. Die Dame lächelte und sah ihm ohne Scheu in die Augen. »Nicht böse sein, Herr Präsident – Sie sind doch ein Präsident?« Mandl verbeugte sich verwirrt. »Ich habe für derlei Getue bloß nicht viel übrig. Mein Name ist Feiertanz. Ich bin hergekommen, weil ich den Schachspieler Carl Haffner kennenlernen möchte. Man sagt mir, Sie könnten mich ihm vorstellen.«
Mandl nannte seinen Namen. Er war in der Lage und gern bereit, die Dame mit Herrn Haffner bekannt zu machen. Sie sei wohl eine Bewunderin des Meisters? Er fragte, ob ihr eine Erfrischung genehm sei. Als Frau Feiertanz beides verneinte, führte er sie ins Spielzimmer. Er stellte ihr einen Stuhl bereit und erwirkte für sie beim Schiedsrichter die Sondererlaubnis, dem Spiel beiwohnen zu dürfen.
Auf dem Weg zurück in den Saal rätselte Mandl, wer die Frau war und was sie von Haffner wollte. Sie war vielleicht ein wenig zu groß und zu schlank und nicht gerade elegant gekleidet, dafür aber von natürlicher Schönheit und unbestritten charmant. Ihre umgängliche Selbstsicherheit hielt er für Koketterie. Etwas war an ihr, das sie von anderen Frauen unterschied. Es war ungewöhnlich, daß sich eine Frau ohne Begleitung herumtrieb, besonders zu dieser Nachtzeit. Eine Hure, dachte Mandl. Eine Schauspielerin. Vielleicht war sie auch ein wenig verrückt.
Es gab keine Gelegenheit, Haffner und Frau Feiertanz vor Wiederaufnahme der Partie einander vorzustellen. Haffner traf in letzter Sekunde ein. Man durfte ihn nicht mehr stören. Doch ihres Platzes im Spielzimmer konnte die Dame sich glücklich schätzen. Im Saal fand sich wieder kein freier Stuhl. Dutzende froren draußen vor den fackelumsäumten Schautafeln. Der Freiherr von Rothschild mußte zum wiederholtenmal mit dem Wiener Polizeipräsidenten, seinem Tarockpartner, telephonieren, um zu verhindern, daß die Polizei die Straße räumte.
Lasker verlor einen zweiten Bauern. Die Kommentatoren warnten vor Jubel. Es handele sich um ein wohlberechnetes, ja grandioses Opfer Laskers, um die Partie zu halten. Der Saal teilte diese Meinung nicht. In überreizter Stimmung beharrten die Laien auf ihrer Faustregel, nach der zwei Mehrbauern sicheren Gewinn verheißen. Eine Gruppe junger Kavallerieoffiziere, die seit Stunden durch Branntweinschenken gezogen waren und die der Übermut in den Klub geführt hatte, stieß im Foyer mit Champagner auf den Sieg an. Sie glaubten, daß mit dem Gewinn dieser Partie der Weltmeistertitel für den Kaiser errungen war, mit Mühe unterschieden sie das Schach vom Damespiel. Als sie hörten, daß Haffner in das Unentschieden eingewilligt hatte, verbargen sie ihren Mißmut nicht. Gläser zersplitterten unter ihren Stiefeln, Flaschen flogen gegen die Wand, der Tisch und zwei Stühle gingen zu Bruch, und ehe der lustige Haufen aus dem Spiellokal marschierte, wurden ein paar Unbeteiligte en passant mit Ohrfeigen bedacht.
Die ins Spielzimmer strömende Menge hinderte Mandl daran, gleich nach Ende der Partie die Dame mit Haffner bekannt zu machen. Er vertraute Frau Feiertanz der Obhut Thirrings an und drängte zum Spieltisch. Mit verlegener Miene kehrte er zurück. Haffner war durch die Hintertür entwichen. Vielleicht gelang es Fähndrich, der auf der Straße nach Haffner suchte, diesen zur Umkehr zu bewegen. Belustigt sprach Frau Feiertanz Mandl von aller Schuld frei. Mandl bestellte Kaffee und Apfelstrudel, um die Wartezeit zu verkürzen, und bat um Erlaubnis, zu fragen, welcher Art Frau Feiertanz' Interesse an Carl Haffner war.


Lesezitat nach Thomas Glavinic - Carl Haffners Liebe zum Unentschieden



© by Manuela Haselberger
rezensiert am 1998-07-28

Quelle: http://www.bookinist.de
layout © Thomas Haselberger