Robert Cormier - Nur eine Kleinigkeit (Buchtipp/Rezension/lesen)
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  Lesealter: 12 Jahre  

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Jeden Morgen kurz vor acht kam der alte Mann aus dem Irrenhaus und ging über den Kiesweg zum Tor. In der rechten Hand hielt er eine kleine Ledertasche, die wie ein Pendel hin und her schwang. Sein Schnurrbart lag ihm wie ein keilförmiges Stück Rauhreif auf der Oberlippe. Der Junge, der Henry hieß, beobachtete ihn aus dem dritten Stock, vom Balkon aus, der zur Straße hinausging. Er war neugierig, wohin der Alte jeden Tag ging, und er wäre ihm gefolgt, hätte er sein Knie nicht in Gips gehabt. In etwa einer Woche würde der Gips herunterkommen. Bis dahin übte der Junge sich in Geduld und beobachtete das Kommen und Gehen in der Nachbarschaft. Der alte Mami war das Interessanteste, was er zu sehen bekam. wieso lebte er im Irrenhaus, und wieso ließ man ihn dort jeden Tag hinaus, wenn er doch ein Irrer war?
"Du sollst nicht dazu sagen", sagte seine Mutter. "Es ist eine Anstalt für Geisteskranke."


Lesezitat nach Robert Cormier - Nur eine Kleinigkeit


Die Versuchung
Robert Cormier - Nur eine Kleinigkeit

ie Situation bei Henry daheim ist nicht leicht. Erst vor einigen Monaten starb sein Bruder bei einem Autounfall. Der Vater hat sich seither von der Umwelt ganz zurückgezogen und Henrys Mutter versucht mit ihrem Job, die Familie über Wasser zu halten.

Am Nachmittag hilft Henry im Laden von Mr. Hairston mit. Der kauzige Lebensmittelhändler, der sich die meiste Zeit hinter vorgehaltener Hand nur abwertend über seine Kunden auslässt, macht Henry eines Tages ein Angebot: Wenn er diese kleine Sache für ihn erledigt, wird Henrys Mutter schon bald mehr Geld bei ihrer Firma verdienen und Mr. Hairston wird so großzügig sein, einen Grabstein für Henrys Bruder zu bezahlen. Angeblich handelt es sich dabei nur um eine Kleinigkeit, doch Henry wird in einen schweren Gewissenskonflikt gestürzt.

Robert Cormier, der im Jahre 2001 mit 76 Jahren in Massachusetts verstarb, ist ein Meister im Beschreiben seelischer Nöte Jugendlicher. Sehr realistisch leuchtet er Henrys Handlungsmöglichkeiten aus. Kann der Junge dem Angebot Mr. Hairstons widerstehen? Und wenn es zu gewalttätigen Handlungen kommt, blendet Cormier nicht etwa ab, nein, gerade dann möchte er ganz genau wissen, warum es geschieht. Er erspart seinen Lesern an dieser Stelle nichts.

"Nur eine Kleinigkeit" ist ein überaus spannender Jugendroman, in dem es um den uralten Kampf zwischen dem Guten und Bösen geht. Und immer wieder gilt es, sich hier zu beweisen. Ob es Henry gelingen wird?
Lesealter ab 12 Jahren © manuela haselberger


  SHOPPING   - gebundenes Buch



  Robert Cormier -   Nur eine Kleinigkeit
  Originaltitel: Times for Bears to Dance, 1992
  Übersetzt von Cornelia Krutz-Arnold
  Illustrationen von Hanno Rink
  © 1995, Frakfurt, Sauerländer Verlag, 112 S., 13.70


  SHOPPING   - Taschenbuch



  Robert Cormier -   Nur eine Kleinigkeit
  Originaltitel: Times for Bears to Dance, 1992
  Übersetzt von Cornelia Krutz-Arnold
  Illustrationen von Hanno Rink
  ©2001, Hamburg, Carlsen Verlag, 112 S., 6.50


Fortsetzung des Lesezitats ...

Das war, wie Henry fand, noch schlimmer als die Bezeichnung Irrenhaus. Der alte Mann jedenfalls sah weder irre noch geisteskrank aus. Der Junge sah ihn immer nur einen Augenblick lang, wenn er kam und ging, aber er wirkte durchaus normal. Am Spätnachmittag, wenn der alte Mann - von wo auch immer -wiederkam, war sein Gang langsamer. Um seine Augen hatten sich Spinnennetze gebildet, und er ließ die Schultern hängen. Seine Wangen waren jedoch noch glatt, wie Steine, die der Regen über Jahre hinweg abgeschliffen hatte.

Ab und zu humpelte Henry zum Tor des Irrenhauses und betrachtete die Leute, die dort auf dem Gelände umherschlenderten. Auch sie sahen normal aus, nicht anders als die Leute, die er jeden Tag in der Nachbarschaft sah.

Der Junge selbst fühlte sich nicht normal. Seit fünf Wochen trug er den Gips und hatte es in dieser ganzen Zeit immer noch nicht gelernt, richtig mit Krücken zu gehen. Ständig stolperte er darüber. Er war nicht so geschickt und sportlich wie sein Bruder Eddie, und weil er mit den Krücken so unbeholfen war, verließ er den Balkon nur selten.

Eddie hatte das Gehen mit Krücken im Nu beherrscht. Er wäre die Straße auf und ab marschiert, hätte jeden gegrüßt, und alle hatten sein Lächeln erwidert. Henry versuchte, nicht an Eddie zu denken, aber das war natürlich unmöglich. Obwohl Eddie schon seit fast einem Jahr tot war - elf Monate und drei Tage, um genau zu sein -, war er Leben von Henry, seiner Mutter und seinem Vater immer noch zugegen. manchmal hatte Henry Schuldgefühle, weil es vorkam, daß er drei, vier Stunden lang nicht an Eddie dachte, aber seine Mutter und sein Vater schienen jeden Augenblick an ihn zu denken. Müde und traurig schritten sie durch die Stunden und sagten selten etwas, nur dann, wenn es unbedingt nötig war. Sein Vater war ganz in seiner Trauer versunken. Manchmal konnte Henry das Schweigen in der Wohnung nicht mehr ertragen. Dann ging er auf den Balkon hinaus. Einmal hatte er daran gedacht, über das Geländer zu springen und sich aufs Pflaster hinunterzustürzen, aber er wußte, daß er seinen Eltern damit nur noch mehr Kummer machen würde.

Ungeduldig wartete er darauf, daß der Gips abgenommen wurde und er seinen Job als Bücker für Mr. Hairston im Laden an der Ecke wiederaufnehmen konnte. Mr. Hairston hatte Probleme mit dem Rücken, und das Bücken fiel ihm schwer. Henry nahm ihm das Bücken ab. Hob auf, was auf den Boden fiel. Holte die Ware von den unteren Regalfächern, um die Kundenwünsche zu erfüllen. Er hatte auch noch andere Pflichten. Half beim Abladen der Kartons und Kisten, die vom Großhändler kamen. Füllte die Regale auf. Wog im Keller die Kartoffeln aus, fünfzehn Pfund pro Sack, und schleppte sie dann hoch, brachte sie in die Gemüseabteilung. Mr. Hairston war stolz auf seine Gemüseabteilung. Frischer Salat und Karotten und Spinat und ausgefallene Sachen wie Pastinakwurzeln und Pilze, alles fein säuberlich hinten im Laden aufgebaut.

Jeden Tag nach der Schule und dazu noch Samstag vormittags arbeitete Henry im Laden. Das heißt, bis er sich die Kniescheibe gebrochen hatte. Direkt vor Ferienbeginn im Juni war er gestolpert und dann die letzten Stufen der drei Stockwerke hinuntergestürzt. Ein Haarriß, hatte der Arzt gesagt, nichts Ernstes, aber doch so ernst, daß sein Unterschenkel und das Knie in einem Gipsverband steckten. Mr. Hairston hatte ihm versprochen, den Job für ihn freizuhalten, bis sein Knie wieder geheilt war.

"Wie wollen Sie sich bücken?" hatte Henry gefragt.
"Ich fülle die untersten Regalfächer erst dann auf, wenn du wieder da bist", sagte Mr. Hairston.
"Und wer wird ausfegen und die Kartoffeln auswiegen?"
Mr. Hairston zog ein finsteres Gesicht und gab keine Antwort. Er machte meistens ein finsteres Gesicht. Sein Ausdruck war so sauer wie die Essiggurken im Holzfaß neben der Registrierkasse.
Was Henry als nächstes sagte, hatte er gar nicht sagen wollen. Aber er mußte es tun. "Jackie Antonelli wäre ein guter Bücker für Sie. Er wohnt bei mir in der Straße. Und er geht in meine Klasse."

Voller Angst wartete er auf Mr. Hairstons Antwort. Er wollte nicht, daß Jackie Antonelli ihm den Job wegnahm. Aber er hatte Jackie versprochen, sich zu erkundigen. Dabei konnte er Jackie, der sich gern prügelte, gar nicht so besonders gut leiden. Seine Familie war arm, hatte Jackie gesagt, und konnte das Geld gut brauchen. Aber in dieser Gegend von Wickburg waren alle arm und brauchten Geld.

"Jackie würde fleißig arbeiten", sagte Henry und haßte sich dafür, daß er das sagte. Er wußte nicht, ob Jackie wirklich fleißig arbeiten würde.
"Jackie Antonelli ist ein Spaghettifresser", sagte Mr. Hairston. "Ich will keinen Spaghettifresser für mich arbeiten lassen."
Henry war erleichtert, bekam aber sofort ein schlechtes Gewissen, weil er Erleichterung empfand. Außerdem ärgerte er sich darüber, daß Mr. Hairston Jackie als Spaghettifresser bezeichnet hatte. Aber so ganz überraschend kam Mr. Hairstons Bemerkung über die Italiener nicht.

Mr. Hairstons Lieblingsbeschäftigung bestand darin, sich neben der großen Messing-Registrierkasse ans Schaufenster zu stellen, die Passanten auf der Straße zu beobachten und über sie herzuziehen.
"Schau dir den an, diesen Selsky. Ein Jude. Verlangt zuviel für seine Ware. Macht dauernd Sonderangebote, aber davor setzt er die Preise höher und senkt sie dann wieder ein bißchen..."
Oder:
"Da kommt Mrs. O'Brien. Irin. Neun Kinder. Liegt die meiste Zeit im Bett. Aber nicht zum Schlafen." Dann kam ein seltsames Grunzen, wie von einem quiekenden Schwein. Wie Henry mit der Zeit begriff, war das Mr. Hairstons Art zu lachen.
Oder:
"Schau dir die an, Mrs. Karminski..."
Der Junge sah Mrs. Karminski japsen und schnaufen. Ein kleiner Hund, der wie ein Aufziehspielzeug aussah, zerrte sie den Bürgersteig entlang.
"Eine Schlampe", sagte Mr. Hairston. "Zu stark geschminkt. Verhätschelt diesen Köter. Gibt gutes Geld für Hundefutter aus. Ihr guckt der Unterrock hervor ... S. 7-11

Lesezitate nach Robert Cormier - Nur eine Kleinigkeit












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Manuela Haselberger
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